Bluffen, Draufhauen oder Einkreisen? GO als Strategievariante in Wirtschaft und Politik
Oktober 3, 2011
Denkgewohnheiten haben es an sich, dass man sie nicht als solche erkennt sondern sie für die einzig mögliche Art hält, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Solange man in einer Welt lebt, in der alle Menschen die gleichen Muster für Denken , Planen und Handeln zugrundelegen, ist das auch nicht weiter schlimm.
Probleme kann es geben, wenn uns Menschen mit deutlich anderen Strategien zur Wirklichkeitsbewältigung gegenübertreten. Im schlimmsten Falle merken wir gar nicht, dass wir ein Problem haben, dann ist Anlass zu echter Sorge gegeben. Vielleicht sehen wir aber doch, dass sich da Merkwürdiges tut und versuchen es innerhalb unserer Wahrnehmungsmuster zu interpretieren. Das kann zu guten Ergebnissen führen, muss aber nicht. Der Königsweg – das ist schon klar – ist es natürlich, das eigene Denken zu relativieren und die Denkmuster des Gegenüber, der eben oft auch ein Gegner oder Wettbewerber ist, in ihrer Eigenart zu erkennen und innerhalb seiner kulturellen Vorgaben auf ihn zu reagieren.
Es folgt hier ein Plädoyer dafür, das alte asiatische Spiel GO oder auch Weiqi zu DER geistigen Sportart Europas zu machen und bis zum Ende diesen Jahrzehnts einen von unseren Leuten zum unangefochtenen Weltmeister in dieser Disziplin werden zu lassen.
Lachhaft, albern, was soll der Quatsch?
Zunächst ein paar Worte zu westlichen und östlichen Denkgewohnheiten, die das Lesen ganzer Bibliotheken leider nicht ersetzen können:
Wir hier denken linear, folgerichtig und im Kriegsfall final destruktiv – solange draufhauen, bis der andere sich nicht mehr bewegen kann. Das ist Schach. Zwei Heere, feudal verfasst mit differenziert ausgestalteten Spezialfertigkeiten und einem klaren Ziel: Den feindlichen König zunächst seiner Entourage zu entkleiden und ihn dann in die Ecke zu drängen, bis ihm nur noch die demütigende Kapitulation bleibt. So marschieren wir in andere Länder ein, so gestalten wir Marketingkampagnen und so planen wir Firmenübernahmen. So oder so ähnlich.
Das vergleichbar wichtige und denkgrundlegende Brettspiel Ostasiens heißt Weiqi, bei uns besser bekannt als GO. GO funktioniert völlig anders als Schach. Zwei Bauern stecken ihre Claims ab und legen fest, wer wieviele der 19×19 Kreuzungspunkte des Spielfeldes bekommt. Es gibt auch nur eine Art von Spielstein, entweder in Schwarz oder in Weiß. Sehr simpel, auf den ersten Blick ein wenig dröge. Keine Fanfarenstöße, wenn die Kavallerie vorrückt, nichts Brachiales, was an die wuchtigen Bewegungen eines Turms erinnert. Nur eine Schokolinse dahin, eine dorthin, eine andere ganz woanders hin. Damit kommen wir zum Problem. Der Gegner baut keine Kastelle, keine Deckungsketten, die man von hinten her aufrollen könnte, nichts, was entfernt an Verdun erinnert. Nein, er legt nur unerbittlich diese Steinchen scheinbar irgendwohin. Und ich versuche ihn zurückzudrängen, versuche selbst Terrain zu umschließen. Und sehe mich auf einmal umschlossen, weiß nicht mehr ein und aus, sehe meine Steine unrettbar verloren. Oder ich triumphiere, weil der Feind kampflos eine ganze Gruppe von sieben seiner Steine preisgibt. Jawoll, ich hab sie gefangen!! Und sehe, dass er in der gleichen Zeit in aller Ruhe acht Felder für sich reklamieren konnte. Ein kleiner Gewinn für ihn, ein großer Verlust für mich. Ich baue einen Zaun, aber er hat die Weide.
GO ist unerbittlich harmonisch, Weltklassespieler trennen sich mit wenigen Punkten Unterschied voneinander, nachdem sie weit über dreihundert Spielsteine auf das Brett gelegt haben. Und die fanden das keinen Moment lang dröge, gar nicht.
China spielt Weiqi mit der Welt. Die Welt antwortet mit Schach oder mit Poker. Mit Poker? Klar doch, oder fällt Ihnen eine bessere Beschreibung der US-amerikanischen Außen- und Wirtschaftspolitik zwischen der Kuba-Krise und den letzten Haushaltsberatungen ein? Während bei Schach die Argumente von Anfang an klar auf dem Brett zu sehen sind und sie sich bei Weiqi zumindest im Spielverlauf eindeutig zu erkennen geben, bezieht Poker seinen Reiz aus anderen Quellen: Die Gegner wissen so gut wie gar nicht, was der jeweils andere tatsächlich auf der Hand hat. Scheinbares Erschrecken, wenn man das eigene Blatt erstmals sieht, hochmütiges dünnes Lächeln, das dem Mitspieler signalisiert, dass er schon längst verloren hat und besser weitere Verluste durch frühzeitiges Aufgeben vermeiden sollte, das sind wichtige Strategieelemente beim Pokern.
Nicht, dass dem chinesischen Denken der Begriff der List fremd wäre, ganz und gar nicht. Aber selbst Anhänger von Sun Tsus 36 Strategemen fänden es dreist, mit nichts als zwei lausigen roten Siebenern eine ganzes Spiel für sich entscheiden zu können. “Winner takes all” ist ein Poker-Prinzip, das uns im amerikanischen Mehrheitswahlrecht wieder begegnet und eben auch kein Hinweis auf eine Denkhaltung ist, die eine Vielzahl von Anschauungsschattierungen in den politischen Gestaltungsprozess einfließen lassen will.
Immer wieder hat China sich in der Vergangenheit gegen westliche Lösungsansätze internationaler Konflikte ausgesprochen, zuletzt gegen ein militärisches Eingreifen in Libyen. Tatsächlich zeichnet sich chinesische Außenpolitik in historischer Perspektive durch eine bemerkenswerte Friedfertigkeit aus, die man den Europäern und Amerikanern beim besten Willen nicht nachsagen kann. Ist hier ein politisches Denken zu beobachten, das dem weitsichtigen Einkreisen gegnerischer Positionen und dem Verfolgen langfristiger Ziele den Vorrang gibt vor dem raschen, oft unbedachten Vorpreschen und dem harten Zuschlagen? Ich lade Sie ein, hier eine Parallele zu den Spielprinzipien von Weiqi zu sehen.
Wie vertritt China denn seine Interessen im internationalen Raum? Wie hat Japan, die andere Weiqi -Großmacht, dieses nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich verstanden? Japan hat seine Verpflichtungen zu Reparationsleistungen mit seinem Bedürfnis nach gesicherten Rohstoffbezügen auf äußerst geschickte Weise verbunden: den Ausbau eines Hafens in einem südostasiatischen Lande hier, großzügige Investitionen in eine Industrieanlage dort und den Kauf einer Erzmine zu günstigen Konditionen ganz woanders. Gleichzeitig die Gründung von kleineren Handelsstützpunkten in London, San Francisco und Düsseldorf. Und ein Vierteljahrhundert später wurde ein Schuh draus und Japan zu einem der größten Automobillieferanten der Welt. Chinesische Politiker besuchten in der letzten Zeit eine ganze Reihe afrikanischer Staaten, denen Europa nicht mehr viel geboten hat außer Almosen, die dazu noch an strenge Auflagen gebunden waren, und Handelsabkommen, deren Vorteil nicht immer sofort einleuchtet. China verschenkt eine Eisenbahnlinie hier und kauft eine Kohlegrube dort, mischt sich wenig ein in komplizierte innere Angelegenheiten anderer Leute, hält aber den eigenen langfristigen Vorteil im Auge.
Traditionell gab es nur wenige wirtschaftliche oder kulturelle Beziehungen zwischen China und Lateinamerika. Vor ungefähr 15 Jahren müssen chinesische Diplomaten und Wissenschaftler damit begonnen haben, sich mit den Staaten Südamerikas intensiver zu befassen. Unbemerkt von den Analytikern des Westens. Und dann, für uns ganz plötzlich, gab es 2008 ein chinesisches Weißbuch für eine künftige Lateinamerikastrategie und sehr kurz darauf den Besuch einer chinesischen Delegation bestehend aus 40 Ministern und 600 Unternehmensvertretern in den wichtigsten Hauptstädten des südamerikanischen Kontinents. Inzwischen ist China im Begriff, die EU als zweitwichtigsten Handelspartner Lateinamerikas nach den USA abzulösen (1). Was für eine Überraschung, nicht wahr?
Die Fiji-Inseln sind auch für sehr reiselustige deutsche Pauschaltouristen ziemlich weit weg. Und im Alltag unseres außenpolitischen Denkens spielen sie so gut wie gar keine Rolle, warum auch. China ist zwar etwas näher an diesen Südseeparadiesen dran, aber warum das größte Volk der Erde sich für diese paar Palmenstrände interessieren sollte, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Warum schenkt China dann aber der University of Fiji im Mai diesen Jahres rund 200 Bücher zur chinesischen Geschichte und Kultur in chinesischer Sprache und eigens angefertigten Übersetzungen ins Englische und Französische? Warum will China in Kürze ein Konfuzius-Institut auf den Fijis eröffnen? Kann es sein, dass die Verantwortlichen im chinesischen Außenministerium ganz genau wissen, dass die University of Fiji die gemeinsame Universität für 13 Südseestaaten ist? Kann man sich vorstellen, dass China sich die künftigen politischen Eliten dieser Staaten gewogen machen möchte? 13 Staaten, auch wenn die Gesamtbevölkerung vielleicht nur der Einwohnerzahl von Gelsenkirchen entspricht, sind in der UN-Vollversammlung eine diplomatische Großmacht. Legt hier jemand seine Schokolinsen auf einen Teil des Spielbretts, an den wir noch gar nicht gedacht haben? (2)
Wenn nun also in den Spielprinzipien des Weiqi tatsächlich ein Strategiedenken angelegt sein sollte, das sich von den elementaren Denkweisen von Poker und Schach wesentlich unterscheidet und zu einigen Erfolgen führt, dann müsste die Mühe sich doch lohnen, dieses Denkformen in Grundzügen zu erwerben. Und wirklich – es gibt eine Reihe von Büchern, die sich an den eiligen Manager richten, der diese Erfolgsrezepte en passant seinem Portfolio einverleiben möchte, gerade so wie es auch die Kriegslehren des Sun Tsu für angehend Betriebswirte fast and easy im Handel gibt. Machen wir uns nichts vor: die Anschaffung cooler Sportbekleidung und die Lektüre motivierender Artikel einschlägiger Magazine bringen noch keinen wirklichen Fortschritt in Sachen Fitness. Man kommt nicht drum herum, selbst loszulaufen und diese Gewohnheit über Jahre zu kultivieren. Niemand versteht die Relativitätstheorie bloß deshalb, weil er ohne Socken in die Schuhe schlüpft.
Erst die intensive Befassung mit dem GO/Weiqi-Spiel ermöglicht ein Erspüren der dem Spiel zugrunde liegenden Logik. “Erspüren” klingt nicht sehr analytisch, trifft die Sache aber doch genau. Auch wenn man die Aussagen von Mathematikern zur Komplexität von Brettspielen mit einer gewissen Vorsicht genießen muss, sind sie in der Tendenz deutlich und eindrucksvoll: für das Schachspiel wird eine Summe legaler Stellungen in der Größenordnung von 10 hoch 50 angenommen und bei durchschnittliche 30 bis 40 Möglichkeiten pro Zug kann man sich auf rund 10 hoch 123 alternative Partien freuen. Das ist eine Eins gefolgt von 123 Nullen, damit kann man locker die Atome des bekannten Universums und einer ganzen Menge denkbarer Parallelwelten durchnummerieren. Für Weiqi wird die Anzahl möglicher legaler Spielstellungen mit 2,1 mal 10 hoch 170 angegeben. Das sind einige Unermesslichkeiten mehr als beim Schachspiel. Allein die Eröffnung macht einen atemberaubenden Unterschied: kann ich bei Schach auswählen, welchen von acht Bauern ich um ein oder zwei Felder vorrücken lasse oder ob ich einen von zwei Springern in Rechts- oder Linksauslage ziehe, ich also zwanzig Eröffnungsvarianten habe, so stehen mir bei Weiqi 361 Kreuzungspunkte offen, auf denen ich die Partie beginnen kann. Der Schachweltmeister Emanuel Lasker hat den Unterschied zwischen beiden Spielen wie folgt auf den Punkt gebracht: “Schach ist auf die Bewohner dieser Welt beschränkt, GO aber geht irgendwie darüber hinaus. Wenn es auf anderen Planeten denkende Wesen gibt, dann kennen sie GO” (3)
Ein solches Spiel lässt sich durch Verstandeskräfte allein nicht meistern. Auch wenn das Schachspiel und unser dadurch repräsentiertes Denken selbstredend auch eine enorme Komplexität und Wirksamkeit hat, so gewinnen Intuition und Kreativität bei GO eine ganz wesentlich eigene und spielentscheidende Bedeutung. Weiqi Spieler sind sich einig darüber, dass EIN Leben nicht ausreicht, dieses Spiel wirklich zu beherrschen. Mit Menschen, deren Kulturkreis solche Denkstrukturen hervorgebracht hat, teilen wir uns künftig globalisierte Märkte und den einzig brauchbaren Planeten in der näheren Umgebung.
Es macht viel Sinn, sich mit diesem Spiel und den dahinterliegenden Denkgewohnheiten zu beschäftigen.
Das mögen sich Ende des 19. Jahrhunderts kluge Menschen in Japan vielleicht auch gedacht habe, als sie angefangen haben, ihren Töchtern das Piano spielen beibringen zu lassen und sie im Laufe der Zeit zur Weltspitze der Interpreten europäischer Klassiker fortzuentwickeln. “Wenn wir dem technisch und militärisch überlegenen Westen ernstlich etwas entgegensetzen wollen, dann müssen wir uns mit der westlichen Kultur auch in denjenigen Aspekten auseinandersetzen, die nicht vordergründig und unmittelbar der Erhöhung unserer Feuerkraft dienen, weil das eine anscheinend irgendwie mit dem anderen zusammenhängt” -so mag man diese Überlegungen zusammenfassen. (4) Andere Beispiele der gelungenen Adaption westlicher Kulturinhalte durch Nachahmer in Ostasien sind das In England erfundene Tischtennisspiel und die ganze Bandbreite Schweizer Uhren.
Wir hatten Anfangs dieser kleinen Betrachtung überlegt, ob es denkbar wäre, bis 2020 einen Europäer, einen Deutschen gar, an die Spitze der Weltrangliste in der Disziplin Go/Weiqi zu bringen. Wenn wir nun überlegen, in welchem Ausmaß wir hierzu unser Schulsystem umbauen müssten, welch unerhörte Anstrengungen unsere Gesellschaft auf dieses Ziel hin unternehmen müsste und welcher Grad an eiserner Entschlossenheit hierzu notwendig wäre, dann verlässt uns rasch der Mut. Das schaffen wir nicht, eher bringen wir bis dahin diesen Kleinstadtbahnhof in Süddeutschland irgendwie renoviert.
Und wie werden wir uns fühlen, wenn der Schachweltmeister 2020 einen japanischen, koreanischen oder chinesischen Namen trägt? Wie alter Adel, der die Verdienste vorangegangener Generationen gänzlich aufzuzehren im Begriff ist?
Düstere Gedanken, die zu verscheuchen zu guter letzt ein Gebot der Höflichkeit des Autors gegenüber dem Auditorium ist: es gibt eine ausgesprochen lebhafte GO/Weiqi Szene in Europa und speziell in Deutschland. Das ist eine gute Nachricht. Und es ist ermutigend, dass Unternehmen und wirtschaftsnahe Institutionen bereit sind, diese Entwicklung zu unterstützen.
Eine Anregung zum Schluss: Wenn Sie als Unternehmer demnächst eine Stelle neu zu besetzen haben, dann achten Sie doch einmal darauf, ob eine der Bewerbungen eine Freizeitkompetenz in GO aufweist. Vielleicht kann das wichtig werden für die Zukunft der Firma.
-.-.-
Hans-Peter Merz 3.10.11
Vortragsmanuskript anlässlich des internationalen GO Turniers am 8./9. Oktober 2011 im Landesspracheninstitut in Bochum
Ausgewählte Hinweise:
(1) Christian von Haldenwang, “China und Lateinamerika – ein Verhältnis auf Augenhöhe?” ZEIT online, 14.10.2010
(2) Roland Seib, “China im Südpazifik – kein neuer Hegemon am Horizont” Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, HSFK Report Nr.9/2009. Wobei ich aus der Analyse des Autors zum Teil abweichende Schlussfolgerungen ziehe.
(3) zitiert nach Rüdiger Vaas, “Wohlan! Noch einmal” – Im Spiel des Lebens, Anthropologische Aspekte des Homo ludens, UNIVERSITAS Bd. 66, Nr. 777, März 2011, S. 26, wo sich auch weitere Erörterungen zur Komplexität der beiden Spiele finden.
(4) Für eine fundiertere Betrachtung speziell der intellektuellen Aufholjagd Japans gegenüber dem Westen sei exemplarisch auf das Discussion Paper No. IS/98/349, März 1998 des Suntory Center an der London School of Economics and Political Science über die Iwakura Mission in Britannien 1872 verwiesen.
The Heritage Foundation hat eine hochinteressante interaktive Landkarte veröffentlicht, die chinesische Investitionen in verschiedenen Ländern und Wirtschaftssektoren zeigt.