Jenseitsverlust und Lebensgier

Oktober 25, 2010

Im gleichen Maße wie in der westlichen Welt Glaubensgewissheiten sich flächendeckend auflösen wächst der diesseitige Lebenshunger. Wenn es kein Jenseits mehr gibt, mit keiner zweiten Chance im Rahmen einer Wiedergeburt gerechnet werden kann, dann wird jeder diesseitige Augenblick unendlich kostbar. 

Jeder Moment – unwiederbringlich wie er ist – muss ausgenutzt werden, am besten gleich mehrfach: Bahnfahrend zum Fenster hinaussehen, Musik hoeren, einen Text schreiben und ihn mit Freunden teilen. Es gibt so vieles zu lesen, zu erleben, gibt so viele Filme, die man noch sehen will. Alles ist moeglich, Karriere und Familie, Lust und Bildung, Geld und Erfolg, man muß sich kümmern, dranhalten. Ein Bildungsschritt weiter und neue Chancen eroeffnen sich, Leasing statt Kauf macht Automarken möglich, die sonst nicht gingen, man muß nur die Finanzierung im Auge behalten.

Kontemplation als Instant-Produkt “please relax and meditate now”, dreimal die Woche ins Sportstudio, dazwischen Dauerlauf, am Wochenende Yoga retreat. Termin mit dem Beziehungcoach am Dienstag. 

Airplanes verbinden Metropolen im Stundentakt, jede halbe Stunde Reisezeitverkürzung ist uns gewaltige Erdarbeiten wert, so toll ist Bahnfahren dann auf Dauer doch nicht. Kaum in der Ferne angekommen rufen wir gleich zuhause an und klären unsere Angelegenheiten.

Unbegrenzter Informationszugriff und so arg begrenzte Lebenszeit! Eine griechisch anmutende Tragödie, Narziß, von seinem geliebten Spiegelbild, zum greifen nahe, doch auf immer getrennt, Midas mit der Wundergabe alles zu Gold zu machen, was immer er berührt, leider auch das Brot und die Oliven, von der Tochter ganz zu schweigen.

Prediger treten auf und verkünden, daß weniger mehr sei und man sich auf das wirklich wesentliche besinnen solle. Abgesehen davon, dass sie dazu in ihren intellektuellen Jutebeuteln bloß den Rückgriff auf religiöse Seinsgewissheiten von früher, Familienbande und frugale Ernährung im Angebot haben, wäre Beschränkung, soweit sie nicht eh schon grausam durch die beschriebenen Gegebenheiten auferlegt ist, Verschwendung und Undankbarkeit. Undank gegenüber einem gütigen Geschick, das uns hier in eine Zeit voller Möglichkeiten gestellt hat, die in dieser Fülle unabhängig vom individuellen Einkommen noch keiner Menschheit zur Verfügung stand. Auch wer kein Geld für den Golfclub erübrigt- für den Benutzerausweis der Stadtbücherei reicht es allemal. Und wo größerer Reichtum wartet ist durchaus offen.

Von antiken Gelagen, die ganz dekadent jetzt in den Alltag aller Schichten zurückkehrten, war neulich im laufenden Politikgeplapper die Rede. Nun denn, wenn das tatsächlich stimmen sollte und sich nicht nur auf Pommes und Bier beschränkt, wunderbar möchte man ausrufen und sich über die fortgesetzte Lebensgier nach all den langen Kriegen und der vielen Not von Herzen freuen.
  

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