Die Zukunft der Zeitung
August 12, 2009
Um es gleich zu sagen: die Zeitung der Vergangenheit hat keine Zukunft.
Die liebe Gewohnheit, morgens überdimensionierte Doppelseiten zwischen sich und die Gattin zu halten, das raschelnde Papier in die Marmelade zu tunken und mit Butter zu beschmieren, ist ein Auslaufmodell.
Der Aufwand für dieses geheiligte Kulturgut ist einfach unvertretbar hoch – das konnte man nur solange akzeptieren, wie es keine Alternative dazu gab.
Der Aufwand: Wälder roden, Bäume raspeln, Tonnen von Material über halbe Kontinente schleppen, unendliche Wassermassen versauen, um allerfeinstes Papier auf Rollen zu zu drehen, die wieder hunderte von Kilometern über die Autobahnen gefahren werden müssen, um schliesslich in einer modernen Druckerei mit richtig grossem Maschinenpark bedruckt, geschnitten und gefaltet zu werden. Nach der Produktion die Distribution: LKWs bringen die Morgenzeitung hinaus ins Land, kleinere Transporter in grosser Zahl übernehmen die Belieferung von Bahnhofskiosken und Verteilerstützpunkten, wo sie von Rentnern und Schülern aufgenommen und für kleines Geld per Moped, Fahrrad oder per pedes an die Haustüren der treuen Abonnenten getragen werden.
Wir überfliegen dann die Schlagzeilen, stellen fest, dass der Inhalt der Abendnachrichten im Fernsehen recht genau auf der Titelseite unseres Blattes abgebildet worden ist, stimmen einem Leserbrief kraftvoll nickend zu und ereifern uns über eine lokale Nebensächlichkeit.
Dann ist die Zeitung Altpapier. Zukunftsperspektive Recycling: Im Laufe der Zeit schleppen wir Zentner um Zentner vergangener Neuigkeiten zum Sammelcontainer – beeindruckend zu sehen, wie der ganze Infomüll von einem Schwerlastwagen mit starken Hydraulikarmen abgeholt wird. Was verbraucht ein solcher Riese auf 100 Kilometer? Welcher chemikalischen Schweinereien bedarf es, um das Papier von der Druckfarbe zu trennen? Wieweit wird der graue Restmatsch noch gefahren, um wieder zu frischem Papier zu werden?
Imaginieren Sie die Papiermassen, die aufgrund der deutschen Zeitungslandschaft bewegt werden müssen, erweitern Sie entsetzt den Blick auf den österreichischen und französischen Blattmarkt und vergessen Sie nicht: auch die Russen, Dänen, Inder und Chinesen lesen, lesen und lesen Tag für Tag mit gierigen Augen ganze Wälder zum Teufel.
Auch Joghurt hat einen langen Weg hinter sich, bis er uns erreicht und seine Halbwertszeit in unserem Hause ist ähnlich kurz wie die des Diskounterprospekts, schon richtig. Aber Dickmilch kann man nicht digitalisieren, Informationen schon.
Eigentlich ist damit alles gesagt – nur mit dem Aufschrei der Massen muss man noch umgehen:
Die Zeitung ist unverzichtbar, ein Kulturträger per se, nur das Blatt gibt uns Informationen über den Tellerrand hinaus, niemand will die Zeitung auf einem LED Schirm lesen, das ist nicht schön, nicht gemütlich, das wird sich nie durchsetzen.
Klingt so, wie die Kommentare minitaturenmalender Mönche zu den klecksigen Wiegendrucken, hört sich an wie das Wehklagen der Bildungsbürger, als Rowohlt anfing, heiligste Klassiker per Rotationsdruck billig herzustellen und mit Klebebindung zusammengepappt in den Handel zu bringen. Und wahrscheinlich ist die erste Zeitung selbst auch mit Schmährufen empfangen worden.
Die Zeitung als energiefressender Papierhaufen ist ein Dinosaurier, der es nur noch nicht gemerkt hat. Die Zeitung als umfassendes Informationsportal, das tagesaktuell Ereignisse im Zusammenhang darstellt und kommentiert, das uns hilft, unsere eigene Meinung zu bilden auf einem Niveau, an das wir uns herantrauen, wird auch weiterhin gebraucht werden und ihren Markt finden.
Oh ja – der Markt: da ist etwas dummes passiert: Irgendeine Zeitung ( war es in Deutschland nicht die TAZ?) hat angefangen, ihre redaktionellen Beiträge ins Netz zu stellen. Kostenlos. Kalkül: die Menschen sollen sehen, was wir alles wissen und sie werden dann unser Blatt abonnieren oder am Kiosk kaufen. Das ging nicht auf. Information wurde verfügbar im Rahmen der Flatrate, einfach so. Warum soll ich für Nachrichten bezahlen, die morgen erst im Briefkasten liegen werden, wenn ich sie heute schon unentgeltlich bekommen kann? Ich bin doch nicht blöd, oder?
Naja – hier hilft Kant und sein kategorischer Imperativ vielleicht weiter: Formuliere die Maxime Deines Konsumverhaltens so, dass auch morgen noch jemand bereit ist, für Dich zu arbeiten.
Ich sehe eine Teilung der Informationsgesellschaft vor mir: eine Unzahl billiger Schnipsel blinkender und tönender Scheinnachrichten ohne Angabe des geistigen Massstabes für diejenigen, die sich damit begnügen wollen, können oder müssen einerseits. Andere werden den Bedarf entwickeln, hochpräzise, belastbare und kommentierte Sachinformationen zuverlässig und zeitnah zu erhalten – und sie werden dafür bezahlen wollen oder müssen, wenn ihre berufliche Existenz oder ihr sozialer Status davon wesentlich abhängt.
Die Zeitungsredaktionen und die Fachverlage stehen hier vor einer gewaltigen Herausforderung. Und es kann uns überhaupt nicht egal sein, ob den alten Blattmachern ein Geschäftsmodell einfällt, mit dem sie uns auch morgen noch mit guten, richtigen und wahren Informationen beliefern können.
Ich will alsbald in meinem Lesezimmer sitzen und auf die grosse OLED-Wand die hübsche, altmodische Simulation eines Pariser Zeitschriftenstandes projezieren, um dann das eine oder andere Blatt zunächst zur Hand zu nehmen, mir denTenor der Headlines anzusehen, um mich schliesslich für meine liebe alte Badische Zeitung oder die Cybernews aus Rejkiawik zu entscheiden. Und die bezahle ich dann auch, ist doch klar.
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Juni 21, 2010 at 2:44 am
Danke für den Kommentar und den Link zu den tollen Fotos der Katze:)
http://bit.ly/dmoOiR
Mai 2, 2011 at 7:11 am
Deine Vision von dem virtuellen Kiosk, an dem man eine Vorauswahl treffen kann, gefällt mir gut : )
Herzliche Grüße
Petra