Auf dem Mond ein Feuer
April 29, 2009
Norman Mailer wurde 1969 von der NASA eingeladen, ein Buch über das Apollo 11 Unternehmen zu verfassen. Neben all den Artikelchen in den Bunten Illustrierten wollte man gerne auch etwas Gedankenschweres der Nachwelt hinterlassen. Und wählte einen intellektuellen Modeautoren aus, der sich mit einem Anti-Kriegsroman schon in die Herzen der Linken geschrieben hatte. Mutig, kann man sagen.
Mailer schreibt ein großartiges Buch über ein noch viel großartigeres Unternehmen. Es ist die Reise eines Technik-Skeptikers, der anfangs das ganze Apollo-Projekt für einen ziemlichen Fierlefanz hält, hin zu einem tiefen Verständnis für die komplexen Vorgänge und Strukturen, die aufgebaut werden mussten, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Faselt er zu Beginn des Buches noch ziemlich viel metaphysischen Unfug daher, bemüht Gott und Teufel, erklärt Astronauten zu Hohepriestern einer bürgerlichen Technikkultur, so erschliesst sich seinem Alter Ego Aquarius im Verlauf seiner zunehmend präzisen Betrachtungen des Vorhabens aus unterschiedlichen Blickwinkeln der ganz weltliche Riesenapparat dieses Unterfangens.
John F. Kennedy hat seinem Land einen unschätzbaren Dienst erwiesen, als er das Ziel verkündete, in einem sehr kurzen Zeitraum von weniger als einem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und sicher zurück zu bringen. Erst große Herausforderungen und schier unerreichbare Ziele wecken im Menschen wirkliche Kreativität. Mailer zeigt, wie die technischen Anforderungen des Apollo-Projektes den Erfindungsgeist der amerikanischen Industrie angefacht hat und schliesslich – nach dem grauenhaften Unglück, bei dem eine ganze Crew in der Kommandokapsel ihres Raumschiffes verbrannt ist – zu einem ganz und gar neuen Verständnis für Qualitätsarbeit geführt hat.
Der Unterschied zwischen Physik und Technik liegt darin, daß der Physiker zeigt, wie etwas prinzipiell zu machen ist – der Techniker sorgt dafür, daß es dann auch tatsächlich funktioniert. Das sind zwei ganz verschiedene Welten und Mailer läßt es uns verstehen. Er gibt uns eine Vorstellung davon, daß jeder der vielen Aspekte des Projekts aus einer großen Anzahl von gelösten Problemen besteht. Der Treibstoff der Saturn-Rakete etwa muß über eine beachtliche Entfernung durch Rohrleitungen gepumpt werden. Und seine Temperatur befindet sich dabei nahe dem Absoluten Nullpunkt. Und dazu muß der Raketensprit unter immensem Druck stehen. Allein die Entwicklung der dazu notwendigen Pumpen, Dichtungen und Ventile hätte die USA an die Spitze der Industrienationen katapultieren können. Und was war noch alles nötig, um diesen Turm aus 300 Tonnen Technik zum Abheben zu bringen: Hochleistungsrechner, die möglichst klein sein sollten, Batterien mit möglichst kleinem Gewicht, Raumanzüge, beweglich und dennoch absolut dicht unter extremsten Bedingungen und 100000 andere Lösungen, an denen 500000 Menschen ein Jahrzehnt lang gearbeitet haben.
Mailer hat auch gleich nach der Landung des Adlers die Frage aufgeworfen, ob das vielleicht doch alles nur ein Hollywood-Schwindel war. Er gibt schaudernd zu bedenken, welches gigantische Ausmass eine Verschwörung haben müsste, die einen solchen Fake zu erzeugen im Stande wäre. Und folgert, daß das vorhandene politische Personal auf gar keinen Fall das Zeug dazu hätte.
Der Titel des Buches, Auf dem Mond ein Feuer, hat auch in der deutschen Fassung eine nahezu magische Intensität. Worauf bezieht sich dieses Bild? Ist es eine Metapher, ähnlich die des Leuchtturms, den wir an einer neuen Grenze der Zivilisation aufstellen? Nein, nein. Auf dem Mond ein Feuer bezieht sich auf den dramatischsten Moment dieser ganzen Mission: Dem Wiederaufstieg vom Erdtrabanten zurück zum Mutterschiff in der Mondumlaufbahn. Waren alle anderen Systeme des Projektes mehrfach redundant angelegt, so war das Triebwerk der Rückkehrkapsel ganz und gar solitär. Es war nur ein einziger Versuch für die Zündung vorgegeben. Nur ein einziges Mal bestand die Chance, dass durch die Vereinigung zweier Brennstoffkomponenten eine spontane Zündung erfolgte. Niemand wußte wirklich, ob es gelingen würde, auf dem Mond ein Feuer anzuzünden.
Es hat ja geklappt. Aber wenn diese Zündung nicht erfolgt wäre, hätte sich die Weltgeschichte definitiv anders entwickelt. Die Welt hätte zusehen müssen, wie zwei Astronauten bei vollem Bewußtsein ihrem unausweichlichem Ende entgegengehen, unendlich weit weg. Und Collins hätte zum letztmöglichen Zeitpunkt sein Raumschiff aus der Mondumlaufbahn zurückkatapultiert, um die einsamste Heimreise anzutreten. Die amerikansche Öffentlichkeit hätte diese Niederlage nicht verwunden, das Projekt Apollo wäre gescheitert gewesen, alle Kritiker, Skeptiker und Astrologen wären bestätigt worden – der Mond ist kein Ort für Menschen. Und ohne die Euphorie, die der glücklichen Landung folgte, hätte es keinen Schwung für weitere Vorhaben der bemannten Raumfahrt gegeben.
Dass es auf dem Mond ein Feuer gegeben hat, war einer der wichtigsten Augenblicke des 20. Jahrhunderts.
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